MUSÉE DE LA MAIN
FONDATION CLAUDE VERDAN


 

Die Hand - von Handwurzel, Mittelhand und fünf Fingern gebildeter unterster Teil des Armes bei Menschen und Affen, der die Funktion des Haltens, Greifens usw. hat - lautet die Definition des Dudens von der Hand. Eine sicher treffliche, aber nüchterne Definition. Nüchtern, wenn man sich die nachfolgenden Einträge zu unzähligen Wörtern und Redewendungen anschaut, die mit der menschlichen Hand spielen; da findet man die Hände in den Schoß legen, genauso wie in festen Händen sein, oder zwei linke Hände haben, des weiteren aber auch unzählige handliche Substantive, wie Handarbeit, Handballer, Handbrause, Handgranate, Handschrift, den Handtuchhalter, sowie den Handwerksburschen, von den Adjektiven handlich, handbreit, handgreiflich einmal abgesehen. Man braucht kein Wörterbuch, um sich zu vergewissern, welch umfangreiches Repertoire an Möglichkeiten die Hand in unserem Leben bietet. Sie ist allerdings ein so selbstverständliches Werkzeug unseres Alltags, dass man schnell vergessen könnte, was es für eine schreckliche Vorstellung wäre, wenn wir sie nicht hätten, die Hand: Wer hält mir die Zahnbürste, schließt die Tür ab, stempelt die Fahrkarte und wer um Gottes Willen verrichtet dann unsere tägliche Arbeit? Wer schwingt die Kelle auf der Straßenkreuzung, schraubt das Abflussrohr, dirigiert den Kanzleistempel und wer zieht unsere Einkäufe über das Laufband im Supermarkt? Ja und nach der Arbeit - wer krault den Hund zur Begrüßung, wer wischt den Kindern den Rotz von der Nase, klebt das Trostpflaster auf und kitzelt sie ein wenig - und wer um Himmels Willen, wenn nicht die Hand, könnte am Abend dem oder der Liebsten den Nacken streicheln und am Ohr zupfen? Es ist wohl kein Zufall, dass ausgerechnet ein Handchirurg auf die Idee kam, diesem hochdifferenziertem Organ ein Museum zu widmen. Der überwiegende Teil, der Unfälle, die sich ereignen, ziehen die Hand in Mitleidenschaft. Ungefähr die Hälfte davon sind Arbeitsunfälle. Überall lauern Gefahren, sei es in Form von ständig gleichförmiger Beanspruchung oder durch andere Einflüsse, wie Glasscheiben, Brotmaschinen, Sylvesterknaller oder Kreissägen. Der schweizer Handchirurg Professor Claude Verdan hat sich über ein halbes Jahrhundert mit der Hand beschäftigt. Dabei hat ihn neben der medizinischen Arbeit, die Hand in ihrem kulturellen und künstlerischen Umfeld interessiert, so dass er eine umfangreiche Sammlung mit Bildern, Photos, Skizzen, Skulpturen und Objekten von der Hand aus aller Welt aufgebaut hat. Anfang der achtziger Jahre rief er die nach ihm benannte Stiftung Fondation Claude Verdan ins Leben, die sich den Aufbau eines Museums der menschlichen Hand zum Ziel gesetzt hatte. In der offiziellen Rede zur Eröffnung des Museums 1997 stellt er seinen Anspruch an diese neue Einrichtung dar: Seit meinem Ruhestand 1981 und auf Grund meiner Teilnahme an den wissenschaftlichen Studien zur Hand, an ihrer Bewahrung und chirurgischen Wiederherstellung, scheint es mir notwendig zu sein, die Öffentlichkeit auf die philosophische, symbolische, künstlerische, sagen wir auf die kulturelle und zivilisatorische Bedeutung aufmerksam zu machen; ist die Hand nicht der unerlässliche Träger des objektiven Bewusstseins? (...) Es ist wichtig, sich nicht nur mit der Vermittlung von Wissen innerhalb eines elitären Milieus zu befassen, sondern auch die intelligenten Informationen, wohl begründet und klar, der öffentlichen Meinung vorzustellen, die übrigens begierig danach ist. (...) Wissenschaft und Kultur widersprechen sich nicht: sie vervollständigen einander. [aus : Inauguration du nouveau bâtiment de la Fondation Claude Verdan, Lausanne 1998] Nach diesem Prinzip wurde die Ausstellung des Musée de la Main konzipiert: es versteht sich als Zentrum der wissenschaftlichen und kulturellen Kommunikation, das nicht nur die Fortschritte der Wissenschaft einer breiten Öffentlichkeit vorstellen, sondern darüber hinaus einen grenzüberschreitenden Gedankenaustausch zwischen Spezialisten und Laien anregen möchte. Das Museum bietet die Dauerausstellung Handspiele (Jeux de Mains) an, in der, die Geschichte der Hand in ihrer biologischen Entwicklung und den damit einhergehenden Veränderungen ihrer Funktion zeigt. Die Geschichte der Hand fängt an bei der Evolutionsgeschichte vom vierfüßigen zum zweifüßigen Lebewesen vor 25 Millionen Jahren, verweist auf die verschiedenen kulturell bedingten Einflüsse, wie zum Beispiel die Entwicklung des Handwerks oder der Schrift, die die Aufgaben der Hand verändert haben; nicht zuletzt hat sich der Aktionsraum dieses Organs durch den Einzug technischer Neuerungen gewandelt, wie den der maschinellen Produktion, oder auch der Digitalisierung in der Gegenwart, die die Hand von ihrem Arbeitsobjekt immer mehr entfremdet hat. Ein weiterer interaktiv gestalteter Teil der Dauerausstellung setzt sich spielerisch mit den verschiedenen Bedeutungen und Handlungsspielräumen der Hand auseinander und lässt den Besucher die kommunikativen, sensorischen, oder auch abgrenzenden Fähigkeiten der Hand selbst ausprobieren. Daneben organisiert die Stiftung drei bis vier temporäre Ausstellungen im Jahr, die nicht nur im Zeichen der Hand stehen, sondern ein breites und vor allen Dingen interdisziplinäres Themenspektrum aufweisen und oft von einem umfangreichen Programm mit Diskussionen und Vorträgen, aber auch mit Workshops für Kinder und Erwachsene begleitet werden. Dabei arbeitet die Stiftung eng mit dem CHUV (Centre Hospitalier Universitaire Vaudois), dem Kantonsspital und verschiedenen Forschungseinrichtungen der medizinischen Fakultät der Universität in Lausanne zusammen. Eine der Früchte dieser Zusammenarbeit ist die Ausstellung Organe (Organes) im Sommer 2000 gewesen, die sich mit der Rezeption von Organen in der Kunst und ihren symbolischen Bedeutungen auseinandergesetzt hat, ohne den naturwissenschaftlichen Aspekt zu vernachlässigen. Im Rahmenprogramm wurden Vorträge angeboten, bei denen sich Fachleute

 

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Letzte Änderung: 30.11.2002, SM